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Die Sehnsucht nach dem Tod

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Wie Suizid sich in einer Hand zeigen kann

 demTod

Was muss in einem Menschen vorgehen bis er sich entscheidet, ins ewige Dunkel hinüber zu gehen?
Oder ist es für sie das ewige Licht nach dem sie sich sehnen? Ein Licht, das sie sich versprechen, das die Dunkelheit ersetzen soll, die in Ihrer Seele überhand genommen hat? Eine Dunkelheit, die sie macht- und kraftlos sein lässt?

Vor fast genau einem Jahr durfte ich einer Frau in die Hände schauen, die sich nun für die Ewigkeit entschieden hat. Jetzt, nachdem wir uns versammelt von ihr verabschieden durften, habe ich die Originale ihrer Handabdrücke herausgesucht, um die Spuren zu finden, die ihr Vorgehen vielleicht annähernd erklären könnten. Und es gibt einige davon.

In ihren Fingerabdrücken zum Beispiel steht, dass sie sich für das Wahlfach der Liebe eingeschrieben hatte an der „Universität Erde“. Gewillt und neugierig, sich mit der ganzen Palette an Gefühlen und Emotionen auseinanderzusetzen. Fühlen, wahrnehmen, annehmen, zeigen, leben, sein. Authentisch. In ihrer ganzen liebevollen Verletzlichkeit.

Das grundlegende Bedürfnis ihrer Seele nach Liebe, Geborgenheit und Zugehörigkeit war konstant hin und hergerissen zwischen dem Zulassen so dringend ersehnter Nähe, oder eben auf Distanz gehen wollen, aus Angst vor (noch mehr) Verletzungen. Untermalt wird diese Tendenz zusätzlich von einer Kopflinie, die ihre Wurzeln tief ins Wasser reckt.

Das Wasser, das Element der Liebe, ist auch jenes des Mondberges. Menschen mit einer solchen Kopflinie tauchen mit ihren Gedanken oft ganz tief ab, und wie aus dem Nichts, werden sie fortgerissen, hinab in die dunkle Unterwelt des Hades, die Welt des Unterbewusstseins.

Fast so wie die Apnoetaucher aus dem Film „The Deep Blue“, tun sie es aber auch aus freien Stücken. Sie sind gefordert, früh genug abzuschätzen, wann es Zeit ist, wieder aufzutauchen, damit die Luftreserve reicht bis an die Oberfläche. Von diesem Zeichen heisst es, dass jemand auch in Melancholie und Depression hängen bleiben kann.

Die ursprüngliche Feuerenergie ihrer Herzlinie, eingefroren. Ihr Venusberg blau und somit ihre Lebensfreude, ihre Sinnlichkeit, unterernährt und tieftraurig. Die sogenannte Giftlinie hat Erfahrenes der Vergangenheit unter den Teppich gewischt, wo es jedoch weiter vor sich hin gären kann, solange es nicht entsprechend kompostiert wird.

Ihre Träume und Visionen, ihre Kreativität und ihre Cleverness - eingeschüchtert von Saturn, dem Hüter der Zeit, dem Sensemann. Ihre Sehnsucht nach dem Abenteuer Leben, die sie lange Zeit gelebt und ausgekostet hat, eingesperrt durch die Fesseln des Königs der Unterwelt.

Aus einer lebenslustigen, wachen, unabhängig denkenden Frau, ist ein dunkler Schatten geworden, abhängig von einer Gesellschaft, die sie sich so sehr in einer anderen Form gewünscht hätte. Tragend, nährend, liebend und wohlwollend. So wie sie selbst durch die unterliegende Energie Ihrer Lebensschule, der Liebe, mit allen umgegangen ist.

Ihren Lebenszweck - finde dich selbst und geh deinen ureigenen Weg - hat sie auf eine Art gewählt, die für viele von uns nicht nachvollziehbar ist, und immer ein trauriges Mysterium bleiben wird. In unseren Händen steht alles geschrieben, doch wie wir damit schlussendlich umgehen, ist die Wahl unseres freien Willens, der uns geschenkt wurde.

Die Sehnsucht nach dem Tod war stärker. Sie hat sich ganz dem Wasser hingegeben, sich mit- und forttreiben lassen. Die Schwerelosigkeit und die Stille der Tiefe gewählt.

Mögest Du frei sein, da wo Du jetzt bist. In Liebe, du Liebe Seele. Flieg.

Eine Geschichte von Barbara Vassalli